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Partizipation

Chapter: Partizipation – aktive Mitwirkung in der Demokratie – Armut aktiv beseitigen lernen
Die Könige sind seit der Aufklärung entmachtet. Diktatoren nach den Erfahrungen der Welt nicht zuletzt mit den Nazis geächtet. Was zählt, ist Demokratie, die „Volksherrschaft“. Demokratie ist eine Staatsform, die den Menschen eines Landes die Möglichkeit gibt, ihr Land zu gestalten. Anders gesagt, diese Staatsform verlangt von ihnen auch, sich einzubringen.
Demokratie aber muss gelernt werden. In vielen Ländern jedoch gibt es nur eine „thin democracy“ – eine „dünne Demokratie“, in der zwar alle Rechte der Mitbestimmung gewährt werden, eine wirkliche Förderung von demokratischer Gesinnung und die Vermittlung des Handwerkszeuges, um mitzuwirken, nicht wirklich vermittelt wird. So stehen die Menschen in vielen Ländern fassungslos da und wundern sich, dass ihre Regierungen an ihnen vorbei arbeiten… Das Gefühl der Machtlosigkeit ist erstaunlicherweise auch in Demokratien verbreitet.
Armut ist in ihren Ursachen komplex: Da gibt es die Probleme des Welthandels, der Bildung, der Regierungen und die der Personen. Nicht alles lässt sich mit demokratischen Instrumenten steuern, dennoch arbeitet die Welt an Möglichkeiten Einfluss zu nehmen auf allen Ebenen. Dazu gehören natürlich die Menschen, die das wollen und können.
Wir glauben, dass man „Demokratie“ lernen muss und kann und dass man neben dem Ausfüllen von Wahlzetteln vielfältige Möglichkeiten nutzen muss, um nicht dauerhaft Opfer von Entwicklungen zu sein.
In diesem Kapitel wollen wir zeugen, dass „volunteering“ – also die Arbeit von Freiwilligen in ihrer Nachbarschaft – und „peer-leading“ – also die Übernahme von Verantwortung auch durch junge Leute – wichtige Schritte sind, um mitzuwirken am Kampf gegen Hunger und Armut.

Basics: Peer-Leading – Die Wiederentdeckung einer alten Idee
„Junge Menschen sind unsere Zukunft“ – eine Aussage, die Politiker gerne in Sonntagsreden machen, die aber Jugendlichen dennoch wenig zutrauen. Wir glauben, dass Kinder und Jugendliche Verantwortung übernehmen wollen und können und entgegen vieler Meinungen von Erwachsenen sich besonders auch für soziale Probleme engagieren oder engagieren würden, ließe man sie nur. Die Tatsache, dass alle 3 Sekunden ein Kind an den Folgen extremer Armut stirbt, bewegt Kinder und motiviert zum Handeln. Aber haben sie die Fähigkeiten und die Chancen zum Eingreifen?
Entdecken wir die Idee: Lange Zeit ist es her (oder ist es nicht vielerorts noch heute so?): Da hatten die Familien 3 und mehr Kinder, die Eltern mussten arbeiten auf den Feldern. Wenig Zeit war da zur „Erziehung“. Es gab Hierarchien, der älteste hatte das Sagen und erzog seine Geschwister und die sich untereinander. Es soll Kulturen geben, da leben die Kinder und Jugendlichen in einem Haus, die Frauen in dem anderen, die Männer wiederum in einem anderen. Die Jugendlichen lernten voneinander. Und zumindest in deutschen Grundschulen war es noch Anfang des letzten Jahrhunderts so, dass es altersgemischte Klassen gab: Die Großen mussten dem Lehrer assistieren und den Kleinen unter die Arme greifen. Nicht zuletzt sei erwähnt, dass unter den Ärmsten und Geprügelten dieser Erde, den Straßenkindern in aller Welt Mikrofamilien bestehend aus Gleichaltrigen das Überleben sichern.
War es die blanke Not oder etwa die Idee, dass auch junge Menschen schon früh an die Übernahme von VERANTWORTUNG herangeführt werden müssen.
Kürzlich erzählte mir eine Mutter, dass in ihrer Nachbarschaft eine Familie wohnt mit 8 Kindern, die alle sehr lebenstüchtig sind, obwohl (Zitat) „der Vater nichts taugt, trinkt, raucht und nicht arbeitet“. Ein Wunder oder ein Ergebnis der Peer-Education unter Geschwistern?
Merkwürdigerweise entwickelt sich das im Moment ganz anders: Je reicher die Familien in den Erdteilen werden, desto geringer ist ihre Kinderzahl und desto häufiger rufen Eltern nach staatlicher Unterstützung bei der Ausbildung und Erziehung ihrer Kinder. Da gibt es die Kindergärten, die Schulen, die Jugendtreffs, die Hilfseinrichtungen – falls was schief geht. Zufall oder nicht: Die Arbeit in einer Industriegesellschaft spezialisiert sich, um immer bessere Ergebnisse zu erzielen. Vielleicht wird es aber wieder die Wirtschaft sein, die uns vormacht, was zählt: Nicht der aufs Einzelne reduzierte Spezialist wird gesucht sondern zunehmend der Allrounder, der ganzheitlich, im System denkende Universalist, zumindest aber einer, der mehrere Ressorts übersieht. Gesucht wird der PROBLEMLÖSER.
Bildung und Erziehung glaubt noch an die Spezialisten: Für jede Altersgruppe, für jedes Lerntempo, für jede Schulform, für jedes Fach gibt es den Spezialisten.
Gleichzeitig staunt die Gesellschaft vor allem in den wohlhabenden Ländern oder den wohlhabenderen Gesellschaftsschichten auch der ärmer Länder, dass da was schief läuft: Das Wissen ist eingeschränkt, der Reifegrad der Persönlichkeiten reduziert und das Verhalten zunehmend problematisch ist. Die Jugendlichen wirken desinteressiert, wenig engagiert, verständnislos, manche sehen sogar asoziale Elemente und völlige politische Unreife. Fatal für die Gesellschaftsform der Demokratie und des (sozialen) Kapitalismus, leben sie doch von INITIATIVE, vom ENGAGEMENT und von Bürgern mit VERANTWORTUNG.
Das ist nicht die Stelle, Bildung und Erziehung gänzlich neu zu denken, ABER: Ist es nicht Zeit darüber nachzudenken, wie Jugendliche angesichts enormer PROBLEME auf diesem Planeten angeleitet werden könnten, früher VERANTWORTUNG zu übernehmen, früher ENGAGEMENT zu zeigen, mehr INITIATIVE zu entwickeln?
Dazu bedarf es keiner neuen INSTITUTIONEN, wohl aber eines anderen Umganges mit den Heranwachsenden. Peer-Education und Peer-Leadership sind Bausteine zu einer anderen Pädagogik. Vielleicht entdeckt jemand wieder Elemente der Ausbildung und Erziehung aus alten Zeiten oder aus Prinzipien alter Ethnien.
PEER-EDUCATION: Gemeint ist hiermit die aktive Mitarbeit von Kindern, eher Jugendlichen an der Bildung und Erziehung von Kindern und Heranwachsenden unter Gleichaltrigen, zumindest ähnlichen Altersgruppen.
PEER-LEADERSHIP ist eine Stufe weiter: Hier erheben junge Menschen den Anspruch zu „führen“ . Dabei ist es weniger der alltägliche Umgang miteinander, bei dem Führungsrollen vergeben werden. Vielmehr geht es um gesellschaftliche Themen, bei denen Peer-Leader mitwirken wollen und sollen.
Hier sei ein verbreitetes Missverständnis bereits geklärt: Nein, junge Leute sind nicht der verlängerte Arm der Erwachsenen: Peer-Education heißt nicht, dass Erwachsene Jugendlich vorschicken, um bessere Wirksamkeit zu erzielen. Nein, Instrumentalisierung ist nicht die Idee.
Die Basics sind
– Schrittweise VERANTWORTUNG an junge Menschen übergeben und VERANTWORTUNGSBEWUSSTSEIN fördern insbesondere im Umgang mit Gleichaltrigen.
– Ermöglichung von INITIATIVE und Schaffung von Freiräumen zur Verwirklichung von Initiative und ENGAGEMENT insbesondere mit und für Gleichaltrige oder ihre Interessen.
Viele Gründe sprechen dafür:
– Höhere WIRKSAMKEIT: Kulturelle Nähe ermöglicht die Ansprache der Zielgruppe Gleichaltrige erheblich verlustfreier.
– Mehr KLARHEIT : Die Linie zwischen GUT und BÖSE verläuft nicht mehr zwischen den Generationen sondern zwischen den INTERESSEN. Falsche Fronten und falsche Solidarisierungen gegen andere werden verhindert
– Mehr BASISDEMOKRATIE: Wer Verantwortung übernimmt, setzt sich auch der Kritik aus. Er muss sich auseinandersetzen mit anderen Meinungen, er LERNT Demokratie.
– Größere VERÄNDERUNG: Wer Verantwortung und Initiative erlernt, wird sich nicht als Opfer von Entwicklungen begreifen sondern wird immer versuchen eigene Kraft einzubringen FÜR oder GEGEN Entwicklungen, bei denen andere fassungslos und paralysiert sind.
– Mehr INNOVATION: Junge Ideen sind offener, innovativer und leidenschaftlicher als die von Erwachsenen. Zumindest ist die Chance neuer und grundsätzlich anderer Ansätze größer.
Wir sollten auf die Suche gehen, wo Peer-Education – formell oder informell – bereits etabliert ist in unseren Gesellschaften: in den Familien, in informellen Jugendgruppen, in Interessengruppen, in „geheimen“ Zirkeln, in riskanten Lebenssituationen. Wir sollten diese Pflänzchen unterstützen, nicht niedermähen. Selbst der Anführer einer Straßengang hat zwar kriminelle Energien, ist jedoch ein potenzieller Peer-Leader mit Erfahrungen und ggf. großer Sensibilität für Gruppenprozesse. Also Augen auf: Wo sind die Pflänzchen, die Talente oder gar Strukturen?
Dort, wo nichts zu sein scheint (Schulen wirken oft so), sollten wir genau hinsehen: auf den Schulhöfen, in den Klassengemeinschaften. Wo sind die Strukturen, welche sind destruktiv, welche konstruktiv?
Peer-Education braucht aber nicht nur RAUM. Natürlich muss Verantwortung, Zeit, Platz überlassen werden zur Entfaltung von Peer-Education-Elementen. Mehr noch: Peer-Leader müssen angeleitet werden von Coaches, guten Pädagogen, die Fehlentwicklungen sehen / voraussehen und vorsichtig steuern. Noch besser sind Konzepte zur formalen Ausbildung von Peer-Leadern. So lange Schulen so sind, wie sie sind, wird es nötig sein, formalisierte Ausbildungsstränge zu entwickeln und einzurichten.
Das Projekt „Teaching Exchange“ ist ein wunderbarer Platz, wo wir Erfahrungen, Ideen und Kritik austauschen können. Wagen wir sie, die Ermutigung junger Menschen zur Übernahme von Verantwortung, zur Entwicklung von Initiative und Leadership insbesondere unter Heranwachsenden.

Peer-Leading / Peer-Education in Deutschland
Ein Blick in die „Peer-Educator“-Landschaft verdeutlicht die Lage: Wo wird in breiterem Maße Kinder und/oder Jugendlichen Verantwortung für Gleichaltrige oder Jüngere überlassen?
Staat:
SCHÜLERVERTRETUNG: Etabliert, aber nicht ernst genommen: In allen Klassen ab Klasse 4 werden Klassensprecher gewählt. Diese Klassensprecher wählen ein Schulsprecherteam, alle Schulsprecherteams wählen einen Stadtschülerrat, dann eines Landes- und Bundesschülerrat. Diese vertreten die Schülerschaft nicht nur nach außen sondern organisieren – eigentlich – auch die Schüler5 untereinander. In 95% der Fälle werden die Rechte nicht genutzt oder gefördert. Die Selbstorganisation reduziert sich auf auf das Organisieren von Festen. Eine systematische Ausbildung zur Übernahme von Funktionen gibt es nicht. Lediglich externe Bildungsanbieter bieten dies auf freiwilliger Basis an. Best Practice: Die Schülerinitiative „Schüler Helfen Leben“ , die seit 15 Jahren bundesweit erfolgreich jährlich einen „Sozialen Tag“ organisiert: Viele tausend Schüler arbeiten an dem Aktionstag und spenden ihren Lohn an ein Netzwerk von selbst organisierten Jugendprojekten auf dem kriegsgeschüttelten Balkan (Ex-Jugoslawien).
JULEICA: Jugendgruppenleiterkarte: Freie und staatliche Einrichtungen bieten die Qualifizierung zum „Jugendgruppenleiter“ an: In der Regel 6 Tage Schulung und nachher leider fehlende Einsatzmöglichkeiten. Immerhin berechtigt die dann erworbene JULEICA zu verbilligtem Eintritt und anderen kleinen Vergünstigungen.
Exotisch: Einige („Privat“-)Schulen erweitern Möglichkeiten der Mitbestimmung, aber auch der Rolle von Schülern unter Schülern als Peer-Educators (Laborschule Bielefeld).
Exotisch: Schulsportassistenten: In Kooperation mit Sportvereinen bildet man in 2-6 Tagen aus zur Übernahme von Assistentenfunktionen im Schulsportunterricht oder in Sportvereinen.
Projektstatus: Streitschlichter: Ratlosigkeit gebiert Innovation. Seit einigen Jahren fördern Schulen im Verbund mit anderen Bildungsträgern die Ausbildung von „Streitschlichtern“, die ausgebildet werden, in der Peer-Group Verantwortung zu übernehmen. Ähnlich fördern einige Bundesländern zusammen mit Vodafon die Qualizierung von „Buddies“, die sich Hilfsprojekte selber suchen können
Gering entwickelt: Die Kommunalgesetze in vielen Bundesländern sehen Beteiligung von Jugendlichen an der Kommunalpolitik vor. Eine Förderung zur Übernahme von Verantwortung ist nicht die Rede, wo die Jugendlichen sich Mandate holen, ist ebenfalls unklar. Viele Kommunen gehen die Pflicht halbherzig an und lassen Projekte mangels Unterstützung scheitern.
NGO
Pfadfinder: Das System lebt von einer Hierarchie der Gruppenleitung, in der auch Jugendliche klar definierte Rollen und Ausbildung übernehmen.
Kirchen: Verschiedene Kirchen übergeben Verantwortung an Jugendliche bei der Unterrichtung von Konfirmanden u.ä.?
Vielfältig, aber noch schwach: Eine große Anzahl sehr kleiner Initiativen versucht sich in der Förderung von Beteiligungsprojekten. Die einen unterstützen UNICEF-Kinderbotschafter, andere selbst organisierte Initiativen mit Fördermitteln: Qualifizierung ist selten vorgesehen. Immerhin Ermutigung ist dabei, manchmal gibt es auch Fördergelder.
Exotisch: Das TEAM-GLOBAL qualifiziert junge Erwachsene, um Workshops zum Globalen Lernen in Schulen auf Anforderung zu leiten. Immerhin: In der Regel sind die Referenten „Ersatzlehrer“ mit Abitur, eine Nähe zur Zielgruppe ist oft kulturell gering, eher schon altersmäßig zu sehen. Die StadtteilKids in Nürnberg kümmern sich um den Stadtteil und machen Führungen für Gäste.
Fazit:
Die Peer-Educator-Kultur ist gering entwickelt in Deutschland. Die wenigen Ansätze verzichten meist auf langsame Hinführung / Qualifizierung. Außerdem funktionalisiert man junge Leute und schreibt Peer-Educator-Funktionen zu bestimmten Themen aus, in der Regel dort, wo Erwachsene ratlos sind: Alkohol, Drogen, Gewalt, HIV-AIDS, neuerdings Demokratie. Freie Wahl von Arbeitsfeldern ist selten zu finden. Das Vertrauen in junge Menschen ist nicht wirklich da, die Gesellschaft ist skeptisch, ob junge Menschen „vernünftig genug“ sind. Kontrollverlustängste?
So ist es nicht verwunderlich, dass das kleine Projekt „Peer-Leader-International“ vor Ort nicht wirklich gefördert wird. Überregional wohl geschätzt und gefördert, ist die Akzeptanz durch staatliche Einrichtungen gering: Die Kommunalverwaltung ist reserviert, die Schulen sind ignorant, die Bevölkerung interessiert. Und: Unternehmervertreter sind begeistert über die Idee?!?